Mein Name ist Anastasia Valeeva und ich bin Journalistin aus Russland.

Haben sich die Stereotypen von Deutschland und den Deutschen bestätigt?

Ich muss zugeben, dass wir in Russland Stereotypen von Deutschen haben. Erstens ist unsere kulturelle Sichtweise immer noch von den Berichten über den zweiten Weltkrieg beeinflusst. Zweitens sind die Stereotypen über die Deutschen zu pedantisch, langweilig und streng. Schließlich glaubt man, dass wir Menschen sehr unterschiedlich voneinander sind. Wie das Sprichwort sagt: was gut für den Russen ist, ist der Tod für den Deutschen. Aber ich war mehr oder weniger frei von diesen typischen Stereotypen, weil ich wusste, dass du überall verschiedene Menschen triffst. Ich habe sogar die Angewohnheit, bevor ich irgendwo hinreise, einheimische Literatur zu lesen. Also habe ich diverse Bücher von Heinrich Böll gelesen, bevor ich nach Deutschland kam. Er hat diverse deutsche Typen ausgeführt: Manche waren kalt und irgendwie arrogant, aber andere waren ehrlich, sentimental, aufopfernd…

Heinrich Böll war irgendwie meine Inspiration: basierend auf seinen Werken habe ich meine Erwartungen geändert und bin offenherzig nach Deutschland gekommen.

Allerdings hatte ich anfangs einige Momente. Zum Beispiel als ich einfach wütend auf die Deutschen wurde, weil sie mich kein Eis kaufen lassen wollten, nur weil ich einen Schritt nach links machte, um es mir anzusehen. Ich bin einfach gegangen, habe laut gesagt: “немцы!” (die Deutschen – ed.). Aber der Wendepunkt für mich war zu sehen, wie die Deutschen ihre Bürokratie handhaben. Ich habe erwartet, dass sie sehr unnachgiebig sind, was einige von ihnen natürlich auch sind. Aber ich habe auch gesehen, dass sie auch sehr menschlich sein können. Im Vergleich zu Schweden, wo ich auch gelebt habe, können Deutsche sehr flexibel und verständnisvoll sein. Es war überraschend zu sehen, wie sie ihre eigenen Regeln brechen und wirklich hilfsbereit sind. Ich glaube wir haben diese steife Vorstellung von Deutschen, weil sie versuchen, ihre Zeit zu strukturieren, und das ist wirklich sehr unterschiedlich zu unserem irgendwie chaotischen Russland.


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