Guten Tag, ich heiße Josefine und ich wohne schon seit 21 Jahren in einer kleinen, aber wundervollen Stadt namens Frankenthal (Pfalz). Wahrscheinlich ist das für die meisten bloß ein Dorf, aber ich mag trotzdem mein Provinznest. Und nicht umsonst…Frankenthal liegt im Südwesten Deutschlands, wo immer fabelhaftes Wetter herrscht und die Natur blüht, was mich an mein Heimatland erinnert. Apropos Heimatland… ich komme aus einem Dorf namens Kamenka, was nicht so weit von Odessa in der Ukraine entfernt ist. Kamenka ist ein besonderer Ort, weil dort viele Vertreter der bulgarischen Minderheit seit Jahrhunderten leben, und ich bin auch eine davon. Falls jemand nicht weiß, wie Bulgare überhaupt in die Ukraine gelangten, kann ich ein paar Worte sagen. Damals, als die Osmanen  den Balkan und unter anderem Bulgarien unter ihre Herrschaft brachten, wollten sich viele der Eroberten nicht den Willen der neuen Herrscher aufzwingen lassen und fluchteten auf die andere Seite des Schwarzen Meeres – in die Ukraine. So entstand eine bulgarische Enklave dort, die heute immer noch existiert. Na gut, ich will hier nicht Geschichte unterrichten, sondern meine Lebensgeschichte erzählen.

Nach Deutschland bin ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern gekommen. Mein Mann gehört zu den sogenannten Russlanddeutschen, von denen viele in den 90-ern nach Deutschland ausgewandert sind. Erst sind wir in Berlin gelandet, was für eine gruselige Stadt! Der Himmel bewahre uns davor! Kurz danach wurden wir in ein Aufnahmelager in Frankenthal eingewiesen. Seitdem sind wir hier.

In der Zeit, in der ich hier lebe, hatte ich nie Probleme mit der Arbeit. Ich hab immer irgendwo gearbeitet. Deswegen verstehe ich Menschen nicht, die keine Arbeit finden können. Wer sucht, kriegt etwas. Was ich am deutschen System nicht gut finde, ich würde sogar das, als ein Nachteil bezeichnen – dass so viele arbeitsfähige Menschen auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Du gehst jeden Tag arbeiten, zahlst Steuern und jemand anders lebt davon! Ich verstehe, wenn jemand krank ist, aber wenn du nur faul bist …Tut mir leid, mir fehlen die Worte. Sonst mag ich Deutschland, fühle ich mich hier wohl, glücklich und integriert genug. Was ich an den Deutschen mag ist in erster Linie Ordnung überall, alles muss seinen Platz haben. Deutsche planen viel im Voraus, deswegen sind sie sehr pünktlich. Und sie sind auch sehr fleißig. Ich respektiere an Deutschen diese Eigenschaften, weil ich selbst so bin. Ich hasse Unordnung und Schlampigkeit. Wenn du etwas tust, dann tue es richtig und nicht halbherzig.

Heutzutage wird oft über die Diskriminierung gesprochen. Sie können mir glauben oder nicht, aber niemals wurde ich hier diskriminiert, im Gegenteil mir wurde immer geholfen, egal wobei: mein Kind in für den Kindergarten oder für die Schule anzumelden, einen Platz im Sprachkurs zu bekommen oder sogar ganz einfache Anträge in Ämtern zu stellen. Deswegen bin sehr positiv gegenüber anderen Menschen eingestellt und bin überzeugt davon  – ein Mensch muss immer ein Mensch bleiben, unabhängig von seiner Nationalität. Ich wurde so erzogen, und hab dasselbe meinen Söhnen beigebracht.

Dazu kann ich noch sagen: obwohl ich hier schon lange wohne, habe ich meine Identität nicht verloren. Ich bin eine Bulgarin und meine Muttersprache ist Bulgarisch. Aber das macht mich hier nur besonders!!!!!


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