Hallo, ich heiße Dzevad und ich wohne in Deutschland schon seit 1993. Ich komme aus dem Land, das nicht mehr existiert – Jugoslawien, und ich spreche die Sprache, die man heute als politisch unkorrekt bezeichnet – Serbo-kroatisch. Ich bin in der Stadt Peć geboren, die jetzt in Kosovo liegt, damals war das Serbien.

Nach Deutschland bin ich gekommen, ratet mal, warum? Natürlich, wegen des Krieges. Es war so schlimm in den 90-ern bei uns, es ist jetzt für mich kaum noch vorstellbar, aber das war ein richtiger Krieg, wie in den Filmen, mit Blut, Kugeln und Leichen. Furchtbar.

Wie alt warst du damals, als du nach Deutschland gekommen bist?

Ich war achtzehn und ich habe mich entschieden zu flüchten und irgendwo anders ein besseres Leben zu beginnen. Eigentlich, war es nicht geplant hier so lange zu bleiben (lacht dabei). Deutschland war zu jener Zeit so genannte Zwischenstation, ich wollte erst nach Dänemark.

Und was ist passiert? Wieso bist jetzt nicht in Dänemark?

Gute Frage…ich habe einen Antrag auf Asyl gestellt, er wurde aber abgelehnt und so bin ich hier geblieben und habe Duldung bekommen.

Und jetzt?

Na ja…jetzt habe ich schon die deutsche Staatsbürgerschaft.

Freut mich. Nicht jeder kriegt das.

Ja, ich arbeite selbst viel, mittlerweile bin selbständig und habe sogar Angestellte. Deutschland profitiert eigentlich von mir, ich schaffe Arbeitsplätze für andere. Dazu zahle ich natürlich regelmäßig Steuern, das Finanzamt mag mich (lächelt – ed.).

Was machst du beruflich, wenn ich fragen darf?

Mein Bruder und ich haben eine Baufirma aufgebaut, BSC (Beton Stahl Čalaković), die sich auf Brückenbau und -reparatur spezialisiert. Wir sind ziemlich erfolgreich und richtig bekannt auf dem Bausektor Deutschlands. Unsere Kunden sind mit uns sehr zufrieden, weil wir schnell und zuverlässig sind, deswegen hatten wir noch nie Probleme Aufträge zu bekommen. Ich bin stolz darauf, dass ich so was geschafft hat.

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Konntest du schon Deutsch, als du hierhergekommen bist?

Überhaupt nicht. Ich konnte sehr gut Englisch und Russisch. Ich habe Sprachkurse nur drei Monate besucht und danach habe ich durch Kommunikation und Kontakte Deutsch gelernt. Viele Deutsche haben mir dabei geholfen, dafür herzlichen Dank.

Wie findest du Deutsche, überhaupt? 😉

Ich würde nie sagen, dass sie schlecht sind. Ich bin immer der Meinung, dass Nationalität keine Rolle spielt, die Menschlichkeit ist sehr wichtig. Schlimme Menschen gibt es überall. Zu diesem Punkt würde ich sagen, dass Deutsche ein wenig distanziert sind, nicht wie wir, die Leute von Balkan. Dazu ist mir auch oft aufgefallen, dass je mehr ein Mensch in seinem Leben erreicht hat, desto toleranter benimmt er sich andere Menschen gegenüber. Diskriminiert wirst du meistens nur von Versager sein.

Hast du so etwas erlebt?

Nicht so richtig. In meinem Berufsleben ist es immer so: am ersten Tag auf der Baustelle gucken mich alle sehr komisch an, aber schon am zweiten Tag, wenn die Leute mich näher kennengelernt haben, finden sie mich nett und lieb. Was ich auch bin 😉

Was gefällt dir in Deutschland?

Oh… Deutschland ist das Land der großen Möglichkeiten. Wenn du ein Ziel vor Augen hast und bist dabei sehr fleißig und strebst danach, dann kannst du alles erreichen. Ich wollte immer selbständig sein, eine Firma haben und von niemandem kommandieren lassen. Ich hab jetzt alles, kam natürlich nicht von heute auf morgen…Und auch wenn du hier Recht oder Unrecht hast, bekommst du, was du verdienst. In diesem Sinn Deutschland ist viel besser als Länder auf dem Balkan, wo die Korruption blüht und nur diejenigen Macht haben, denen viel Geld zur Verfügung steht.

Dzevad, als wen würdest du dich bezeichnen? Ein Deutsche?? Ein Kroate?…

Ich war ein Jugoslawe und bleibe bis zum Ende meines Lebens einer. Eigentlich hasse ich, dass heute behauptet wird, dass es vier Sprachen im ehemaligen Jugoslawien gibt: Bosnisch, Serbisch, Kroatisch und Montenegrinisch. Völliger Blödsinn!!!! Das ist nur eine Sprache, und zwar Serbo-Kroatisch und mir ist Wurst, ob ich politisch korrekt bin oder nicht.

Bist du glücklich hier?

Hmm…es ist schwierig eine Antwort auf diese Frage zu geben. Eher nicht…Aber das hat mit Deutschland nicht zu tun. Ich habe Sehnsucht nach meinem Heimatland, wo ich so glücklich war, nach meinen Freunden, die aufgrund des Krieges über die ganze Welt verstreut sind.

Willst dann weiter hier bleiben oder doch zurückkehren?

Ich werde hier bleiben, ich hab meinen Sohn hier, meine Arbeit. Dadurch kann ich meiner Mama helfen, die zurzeit in Sarajevo wohnt. Ich hab für sie ein Haus gebaut (guckt mich sehr stolz an).

Was denkst du: ist es überhaupt möglich eine multikulturelle Gesellschaft aufzubauen ohne Hass, ohne Diskriminierung? Und bist du überhaupt dafür?

Definitiv. Ich bin selbe multicoolty, weil ich vom Balkan komme, wo viele Nationalitäten mit einander leben. Man darf auf keinen Fall andere Menschen hassen, weil sie einer anderen Religion angehören oder aus anderem Land kommen. Zum Beispiel, im Jugoslawischen Krieg wurde Bosnien am schlimmsten getroffen, viele Serben und Kroaten haben Sarajevo zerstört. Ich habe aber trotzdem unter den Freunden Serben und Kroaten. Man muss tolerant zu anderen Menschen sein.


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