An jenem Abend wurde beschlossen: so kann es nicht weiter gehen. Man MUSS raus aus diesem Land oder wir sterben sowieso alle.

Die Soldaten der Taliban sind zu uns nach Hause gekommen…wie immer ohne Einladung. Auf ihre Frage, warum meine ältere Schwester immer noch bei den Eltern wohnt und keinen Ehemann und Kinder hat, konnten meine Eltern nicht antworten. Mein Vater hat versucht sie in Schutz zu nehmen und meinte, dass sie noch sehr jung sei… Aber einer von diesen Soldaten sagte: „Halt deine Klappe sonst werden wir dich töten und deine andere Tochter nehmen wir auch mit.“

Das war vor zwei Jahren. Seitdem haben weder meine Eltern noch ich etwas von meiner Schwester gehört. Manchmal flehe ich zu Allah: „Sei bei ihr, hilf ihr.“ Und dann frage ich mich, ob Gott tatsächlich existiert. Schließlich wurde meine Schwester in seinem Namen von uns weggenommen.

24afghanistan-superJumbo


Von Afghanistan bis nach Griechenland (durch den Iran und die Türkei) mussten wir zu Fuß gehen, nur nachts ansonsten wäre es lebensgefährlich. Wir konnten jeder Sekunde erwischt und dann erschossen werden. Erst von Griechenland nach Frankreich ist es uns gelungen mit dem Zug zu fahren, natürlich als Schwarzfahrer. So sind wir in Deutschland gelandet.

Ich bin hier viel glücklicher als in Afghanistan. Ich darf hier eine Schule besuchen. Stellt euch vor: Ich DARF jeden Tag in die Schule gehen!!! Bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr wusste ich nicht, was eine Schule überhaupt ist. Das schätze ich so sehr!! Ich kann jetzt lesen und schreiben, ich kann jetzt Deutsch und lerne noch Englisch. Ich träume davon eine Friseurin zu sein, und jede Menge schöne Frisuren zu machen.

Ich bin jetzt fünfzehn und ich muss nicht verheiratet sein. Wenn ich das will, kann ich überhaupt nicht heiraten. Obwohl ich meiner Religion treu geblieben bin, trage ich kein Kopftuch und mein Bruder und mein Vater sind nicht dagegen. Im Gegenteil, sie meinen: „Ohne Kopftuch ist besser!“

Ich weiß, jeder soll seine Heimat lieben…ich kann es aber nicht. Ich hoffe Deutschland wird meine Heimat werden.

P.S. Mit dieser Geschichte wollte ich nochmal betonen, wie schlimm und gefährlich jeder Form von Rechtsextremismus sein kann. Dieses Mädchen ist sehr mutig und sie kann für uns alle ein Vorbild sein. Nach allem, was sie erlebt hat, hat sie trotzdem Lebensfreude und den Glauben an eine bessere Zukunft nicht verloren.

Photo from Morgue file.


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