Mein Name ist Carmen. Ich komme aus dem Libanon. Ich lebe seit 4 Jahren in Berlin. Ich habe in Beirut Maschinenbau studiert. Ich mag Theater und nehme seit 3 Jahren französischen Schauspielunterricht in der La Menagerie in Berlin. Wir bereiten jedes Jahr ein Stück vor und führen es auf. Ich mag auch Stand-Up Comedy. Ich trete auf Englisch in diversen Shows auf, und open mics finden regelmäßig in der Stadt statt. Die englische Comedy Szene in Berlin wird richtig groß und sehr populär. Ich produziere/co-produziere 2 Stand-Up Comedy Shows: Comedy auf Deuglish (Monatlich Englisch/Deutsch gemischte Comedy Show) und Teepeeland Stands Up (Englische Comedy Show im Teepeeland).

Ich hatte Glück, dass mir nach meinem Studienabschluss ein Job in Berlin in der gleichen Firma, in der ich mein Praktikum gemacht hatte, angeboten wurde. Also habe ich die Chance genutzt und bin hergezogen!

Wie war Dein Integrationsprozess?

Als ich in Berlin ankam, habe ich nicht sofort die sehr hyper, entspannte, multikulturelle Seite der Stadt kennengelernt. Andererseits, und basierend auf dem Grund, der mich herbrachte, wurde ich zunächst einem professionellen, sehr traditionellen, sehr männerdominierten Umfeld vorgestellt. Als 22-jährige Araberin mit übersprudelnden Emotionen, dem intensiven Bedürfnis, zu jeder Zeit meine Denkweise laut zu äußern, und dazu mit dem warmen, hitzigen Temperament der Körpersprache groß geworden, habe ich angesichts meiner hochqualifizierten, sehr effizienten, deutschen Kollegen tatsächlich VIELE kulturelle Zusammenstöße erlebt.

Es hat einige Zeit gedauert, sie besser kennenzulernen, ihre Reaktionen zu verstehen und am wichtigsten die Zusammenarbeit mit Ihnen zu genießen! Ich hörte auf, alles zu persönlich zu nehmen und akzeptierte die Tatsache: Hey, warum solltest Du erwarten, dass jeder sich benimmt wie Du?

Deine Art zu denken und sich zu benehmen ist nicht unbedingt die beste, die man in einigen Situationen anwenden sollte! Ich habe wirklich angefangen, mich in Berlin mehr integriert zu fühlen, nachdem ich mit meinen regulären Aktivitäten anfing: Theater und Comedy. Durch diese habe ich Freundschaften entwickelt und mein soziales Netzwerk erweitert. Und es hat mir definitiv geholfen, mich in meiner Arbeitssituation wohler zu fühlen

Kannst Du uns über einen kulturübergreifenden Patzer erzählen, der Dir in Deutschland unterlaufen ist?

Im Libanon haben wir die Angewohnheit während wir

’Hallo’ zu Leuten sagen, auch zu fragen: ’Wie geht es Dir?’ Als ich in Deutschland ankam, tat ich das Gleiche: „Hallo, wie geht es Dir?“ Zu meiner großen Überraschung, und wenn ich Deutschen diese Frage stellte, bekam ich oft keine Antwort. Sie haben nur mit einem einfachen: ’Hallo’ geantwortet. Mein automatischer Gedanke damals war sehr stereotyp und voreingenommen: „Oh Mann, diese Deutschen, sie sind zu kalt, was ist denn falsch an dieser Frage? Wird sie hier sogar als zu persönlich betrachtet? Raus damit!“ Dann bekam ich die Gelegenheit mit einem meiner Kollegen zu sprechen. Und das war seine Antwort: „Nun, die Frage ‘Wie geht es Dir’ mag ja sehr simpel erscheinen, aber es ist nicht wirklich sehr einfach sie zu beantworten. Natürlich könnte ich Dich anlügen, Dir ein schnelles „Mir geht es super“ anbieten und vorbeigehen. Aber warum sollte ich das tun? Und wenn ich ehrlich sein möchte und Dir eine genaue Antwort geben möchte, dann wird es über 20 Minuten dauern, Dir zu erklären, wie es mir wirklich geht. Darum bevorzuge ich Dir nicht zu antworten, anstatt Dich zu belügen oder Deine Zeit zu verschwenden.“ Danach war ich so beeindruckt. Es stimmt; manchmal ist keine Antwort besser als eine vorgetäuschte.

Was fällt Dir am meisten auf in Deutschland (gut und schlecht)?

Ich habe mich selbst immer als Kontroll-Freak eingeschätzt. Ich muss im Voraus planen, alle Seiten eines Projekts analysieren: Pro und Kontra, Zeitlinie, … und Struktur in jede kleine Aufgabe bringen, die mir gegeben wird. Im Libanon habe ich mich aufgrund dieser Einstellung immer ein wenig anders gefühlt, weil es dort nicht sehr üblich war. Seitdem ich nach Deutschland gezogen bin, fühle ich mich sogar mehr ‘normal’. Ich bin diejenige, die Kontroll-Freaks hier beurteilt 🙂 Es ist gut, aber manchmal ist es zu viel. Manchmal musst Du einfach spontan sein, besonders wenn es darum geht auszugehen oder Party zu machen…

Glaubst Du, dass Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist? 

Ich habe einige deutsche Städte besuche, und von dem was ich bisher gesehen habe, denke ich, dass Berlin von allen die multikulturellste Stadt ist. Vielleicht kann man nicht ganz Deutschland als multikulturell bezeichnen, sondern nur einige Orte. Ich kann das absolut in Berlin erkennen: Du kannst Dir nicht vorstellen, wie viele Leute verschiedener Nationalitäten ich während der Englischen Comedy Events kennenlernen und mit denen ich sprechen konnte. Die Stadt ist sehr populär und zieht viele Auswandere an. Manchmal denke ich, es gibt einen Mangel an Deutschen in Berlin, anstatt an Internationalen. Und darum ist es schwieriger für Neuzugänge, hier Deutsch zu üben. Auswanderer sollten Englisch sprechen und noch nicht mal versuchen, Deutsch zu lernen.

Was denken die Menschen in Deinem Land über Deutschland und die Deutschen?

Die Libanesen haben alle positiven Stereotyp-Meinungen über die Deutschen: harte Arbeiter, sehr pünktlich, produzieren die besten Autos, haben eine sehr gute Wirtschaft, trinken sehr viel Bier :-), sehr höflich und diplomatisch, spielen gut Fußball …

Hat Dein Lebensstil sich geändert als Du nach Deutschland gekommen bist? Wenn ja, wie?

Mein Lebensstil ist definitiv gesünder geworden. Vor 2 Jahren wurde ich Vegetarierin. Ich bin mir definitiv mehr über die Umweltprobleme um uns herum und die einfachen, kleinen Aufgaben, die ich täglich als Individuum erledigen muss, um bei der Verminderung dieser Probleme zu helfen, bewusst. Ich habe außerdem auch definitiv meine Einstellung zur Arbeit und Karriere geändert. Das ist nicht alles in Leben! Die Tatsache, dass ich in Berlin lebe, hat geholfen, diese Änderungen in mir zu verstärken.

Gibt es noch irgendwas über Dich und Deine Erfahrungen in Deutschland, die Du mit den Lesern teilen möchtest? Vielleicht ein Rat, den Du einem Neuankömmling geben möchtest?

Versuche, die Sprache zu lernen! Versuch´nicht alles zu persönlich zu nehmen, und gib nicht auf und verurteile nicht zu schnell. Manchmal braucht es Zeit, und die Resultate werden Dich garantiert positiv überraschen.


Picture taken by Dave Abott


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