Kürzlich bin ich zwei netten jungen Menschen aus Kroatien begegnet: Csaba und Petar. Sie wohnen im Zentrum Berlins – in Neukölln – und bereuen nicht aus Kroatien ausgewandert zu sein.

Csaba ist ein vereidigter Übersetzer für Kroatisch, Englisch und Deutsch. Petar ist ein frischgebackener Student im Osteuropa-Institut an der FU Berlin.

Warum seid ihr ausgerechnet nach Deutschland gekommen?

Als erster antwortet Csaba: Ich habe einen deutschen Migrationshintergrund und obwohl ich auf dem Balkan geboren bin, genauer gesagt in Serbien, bin ich mit der deutschen Sprache aufgewachsen. Dazu habe ich noch Germanistik in Zagreb studiert. Kurz nach dem Krieg, 1995 als dort alles noch unruhig war, habe ich mich entschieden in Deutschland Germanistik zu studieren. Und hier bin ich! 😉

Petar: ich bin neu in Berlin, wollte aber immer hierher ziehen. Der wichtigste Grund dafür ist natürlich die Fernbeziehung mit Csaba. Wir sind Lebenspartner. Nach langem Hin und Her wollten wir endlich zusammen leben. Er ist schon seit über 20 Jahren in Deutschland und eine Rückkehr nach Kroatien kommt für ihn nicht in Frage. Was mich angeht, ich hatte die Nase voll von der kleinen Stadt, wo ich wohnte und wo ich arbeitete. Ich hatte übrigens einen guten Job dort, ich war Dozent an der Uni und war zu diesem Zeitpunkt mit meiner Dissertation beschäftigt. Ich habe aber alles gegen das Leben in Berlin eingetauscht. Und bereue es nicht. Obwohl Kroatien jetzt zu der EU gehört, fehlt da jegliche Spur von europäischer Gesellschaft. Mir persönlich ist dort alles zu konservativ.

Kann man überhaupt behaupten, dass Kroatien und das ganze Balkan multikulturell geprägt sind? Da leben verschiedene Nationalitäten…

Beide lachen, dann schießt Petar los: Ja, ja. Verschiedene Nationalitäten, sagst du. Bei uns ist es immer noch so, dass wenn ein Afrikaner auf der Straße läuft, ihn alle anglotzen als ob er ein Marsmensch wäre.

Und Csaba setzt fort: Bei uns existiert ein gewisses Multicoolty, aber wie soll ich das besser sagen? “Internes Multicoolty”?! Auf dem Balkan kannst du oft Menschen treffen, die aus den Grenzgebieten kommen: aus Griechenland, Bulgarien, Mazedonien, Kosovo, Serbien usw. Aber andere, für uns richtige Ausländer, sind selten dort.

In der letzten Zeit wird viel über Nationalisten auf dem Balkan gesprochen? Ist es wirklich so?

Csaba: Jain. In einer gewissen Hinsicht schon. Es gibt eine starke nationalistische Strömung sowohl in Serbien als auch in Kroatien. Einige Menschen bestehen sogar schon darauf einander sprachlich nicht zu verstehen zu haben. Mir persönlich ist es relativ egal, welche Sprache du sprichst: Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch oder Bosnisch. Ich verstehe und spreche alle davon!

Petar: Ich habe auch gar kein Problem damit. Man muss aber nicht übertreiben! Wenn ein Kroate vorgibt einen Serben nicht verstehen zu können oder umgekehrt… das finde ich schon peinlich! Das klingt schon nationalistisch!

Wie integriert seid ihr? Was sagt euch Euer inneres Gefühl?

Petar: Ich bin erst seit 2 Monaten hier, habe keine deutsche Freunde… also ich fühle mich nicht integriert. Das heißt nicht automatisch, dass es mir hier nicht gefällt. Ich komme bloß mit einigen Sachen nicht so richtig klar.

Zum Beispiel?

Petar: Oh, es gibt hier so viele unnötige Bürokratie. Ich bin gerade auf dieses Problem gestoßen. Um mich für einen Platz an der Uni zu bewerben, habe ich so viele Formulare ausgefüllt wie nie in meinem Leben zuvor.

Und was gefällt euch hier nicht?

Csaba: Erstens: Wetter, Wetter und noch mal Wetter! Daran werde ich mich nie gewöhnen! Zweitens: Deutsche halten sich immer an die Vorschriften. Es ist hier nicht so entspannt wie beispielsweise in unserem Heimatland. Aber… so schlimm ist es auch nicht. Mittlerweile habe ich mich schon daran gewöhnt. Ich würde sagen lieber so, als immer durcheinander.

Petar: Mir gefällt hier nicht das man hier oft Kaffee in einem Glas serviert bekommt und nicht in einer Tasse. Das ist mein Ernst. Es ist unmöglich das Glas zu halten, wenn der Kaffee noch heiß ist. Man muss warten, aber danach kann man den Geschmack des Kaffees nicht mehr voll auskosten weil er schon kalt ist. Auf dem Balkan ist die Kaffeetrinkkultur sehr bedeutsam und vornehm, würde ich sagen. Spargel schmeckt hier auch fürchterlich. Er ist so wässrig. In Kroatien haben wir den Spargel der in der Wildnis wächst, der schmeckt aber himmlisch.

Seid Ihr mit dem Leben in Berlin zufrieden?

Petar: Definitiv ja. Bestimmt hätte ich andere Erfahrungen gemacht wenn ich jetzt irgendwo anders wäre, z.B. in Stuttgart oder München. Berlin ist in der Tat eine multikulturelle Stadt, wo ich mich als “Ausländer” wohl fühle. Hier kannst du Gleichgesinnte treffen, sogar oft Menschen aus deiner Heimat. Das hilft dir natürlich bei deinem Integrationsprozess.

Csaba: Ich bereue es ganz und gar nicht, dass ich in dieser wunderschönen Stadt wohne. Ich liebe Berlin. Sie ist schon meine Stadt geworden.


0